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Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Memmingen
Claudia Fuchs, Dipl. Sozialpädagogin (FH)
Rathaus, 3. Stock, Zi. 300
Marktplatz 1
87700 Memmingen

Tel. 08331/850-260
Fax 08331/5433

claudia.fuchs
@memmingen.de

Frauengeschichtswerkstatt Memmingen e.V.

Bis vor ein paar Jahren war die Geschichtsschreibung auch in unserer Region nahezu ausschließlich eine „Männliche“. In den Chroniken ist über Frauen wenig zu lesen.

Das Interesse an Frauengeschichte zu wecken und die Geschichte der Frauen in Memmingen zu entdecken führte auf Initiative der damaligen Frauenbeauftragten Sigrid Baur dazu, dass 1994 die „Frauengeschichtswerkstatt Memmingen e.V.“ (FGW) gegründet wurde.

Nähere Informationen unter www.frauengeschichtswerkstatt.de

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Lydia Kleyer

Lydia Kleyer
Schwarz-Weiß Portrait von Lydia Kleyer

Am 17. April 1896 wurde Lydia Kleyer in Memmingen geboren. Als Zwanzigjährige gründete sie den Fröbel-Kindergarten in Memmingen. Sie arbeitete und führte ihren Kindergarten in eigener Regie nach den Leitlinien der Pädagogik von Friedrich Fröbel. Ihre Ausbildung absolvierte sie im evangelischen Fröbelseminar in Stuttgart. Fest verwurzelt war sie im Glauben der evangelischen Kirche.

Mit der Ausrichtung ihres Kindergartens nach den Ideen Fröbels wurde in Memmingen Neuland betreten. Bisher hatten sich die Kindergärten ja weitgehend als sogenannte Bewahranstalten verstanden, vornehmlich gedacht für die Kinder aus sozialen Unterschichten, in denen die Kleinen vormittags oder auch ganztags untergebracht waren, damit die Mütter ihrer täglichen Lohnarbeit nachgehen konnten*). Der Fröbelansatz in der Kinderbetreuung war neu und basierte auf der ganzheitlichen und harmonischen Entfaltung der kindlichen Anlagen sowie der Entwicklung von "Geist, Gemüt und Tatkraft".
Lydia Kleyer erwarb sich nicht nur mit dem Kindergarten große Anerkennung, sondern initiierte verschiedene Kreise für die evangelische Jugend und für junge Mütter.

Versuche der NSDAP Memmingen den Kindergarten in eigener Trägerschaft zu übernehmen, widersetzte sich Lydia Kleyer. Von Anfang an war ihr klar, dass es zwischen ihrer gelebten Überzeugung und der neuen Ideologie keine Gemeinsamkeiten geben konnte.

Im Alter von 75 Jahren wurde Lydia Kleyer vom Oberbürgermeister der Stadt Memmingen nach 55jähriger Tätigkeit, einem Leben für das Wohl von Kindern, in den Ruhestand verabschiedet.

Quellen und Literatur:

  • Siglinde Abler, Christa Lindner, Frauengeschichtswerkstatt Memmingen e.V.: "Frauen zwischen Aufbruch und Anpassung"
  • Christoph Engelhard: Kindergärten in Memmingen 1848 - 1998 (Materialien zur Memminger Stadtgeschichte Reihe B: Forschungen Stadtarchiv Memmingen
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Dr. Gertrud Otto

Dr. Gertrud Otto
Schwarz-Weiß Portrait von Dr. Gertrud Otto

Als Tochter des wohlhabenden Herausgebers und Verlegers der "Memminger Zeitung" wurde Gertrud Otto am 07.06.1895 geboren. Ihr Elternhaus ermöglichte ihr den Besuch privater Gymnasialkurse für Mädchen in München. Als "Externe" bestand sie 1912 das Abitur am Königlichen Maximilians-Gymnasium.

Das erste Mädchengymnasium Bayerns wurde erst 1912 in München eingerichtet. In dieser Zeit war für Mädchen nicht üblich, die Hochschulreife anzustreben.

Auf Wunsch der Eltern absolvierte Gertrud Otto nach dem Abitur zunächst eine hauswirtschaftliche Ausbildung. Nach dem Ersten Weltkrieg studierte sie zuerst in München, danach in Tübingen Kunstgeschichte als Hauptfach, dazu als Nebenfächer Archäologie, Pädagogik und Psychologie. Mit Auszeichnung erlangte sie 1923 die Doktorwürde.

Anschließend arbeitete sie als Assistentin an der Universität Tübingen. Diese Assistentenstelle war "zur Dozentur nicht zugelassen". Eine Habilitation und Professur war und somit ein beruflicher Aufstieg war ausgeschlossen.
Das nationalsozialistische Regime wollte 1935 diese Assistentenstelle lieber mit einem männlichen Parteigenossen besetzen. Nur ihr Eintritt in die NS-Frauenschaft und der persönliche Einsatz von Prof. Georg Wiese konnten ihr den Arbeitsplatz erhalten.

Die NS-Ideologie sah das Ideal der Frau in ihrer Funktion als Hausfrau und Mutter; entsprechend groß war der Druck, der auf Frauen ausgeübt wurde, ihre akademischen Posten zu räumen. Der Zugang zu den Universitäten wurde für Frauen beschränkt. Gertrud Otto schrieb rückblickend: "Mit dem Augenblick der Machtübernahme wurde allen Frauen der Aufstieg in höhere Staatsstellen unmöglich gemacht. Die Erlangung einer Dozentur...wurde ihnen verwehrt, ebenso die Museumslaufbahn, so dass für mich kein beruflicher Aufstieg mehr möglich war".

Während des Zweiten Weltkriegs bescherte ihr der Mangel an männlichen Wissenschaftlern an den in deutsche Reichsuniversitäten umgewandelten polnischen Universitäten doch noch die Chance, sich zu habilitieren. Sie ging 1941 an die Universität Posen. Dort wurde sie Ende 1943 habilitiert. Einen Ruf als Professorin erhielt sie in den Wirren des letzten Kriegsjahres nicht mehr.
Die Universitätslaufbahn ließ sich leider nach dem Krieg nicht fortsetzen. Sie unterrichtete ab 1947 stundenweise Deutsch und Geschichte an der Städtischen Realschule für Mädchen in Memmingen (dem heutigen Vöhlin-Gymnasium).

In ihrer Freizeit betreute sie die Städtischen Kunstsammlungen und betrieb weiter Forschungen in ihrem Spezialgebiet der spätgotischen Kunst ihrer Heimatstadt und des schwäbisch-badischen Raumes.
1964 veröffentlichte sie ihr bekanntestes Werk über den Memminger Maler Bernhard Strigel (1460 - 1528). Insgesamt publizierte sie sechs Bücher und etwa 40 Aufsätze zur Spätgotik in Schwaben, die heute noch als grundlegende Arbeiten von der kunsthistorischen Forschung geschätzt werden.

Quellen und Literatur:

  • Frauengeschichtswerkstatt Memmingen: Frau Dr. habil., Jahrgang 1895: Zur Erinnerung an die Kunsthistorikerin Gertrud Otto, In: Memminger Geschichtsblätter 1993/96, S. 125 - 143 von Irmgard Bommersbach, Christine Kolb
  • Materialien zur Memminger Stadtgeschichte Reihe B: Forschungen: Frauen zwischen Aufbruch und Anpassung, herausgegeben vom Stadtarchiv Memmingen
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Amalie Rehm

Amalie Rehm
Schwarz-Weiß Portrait von Amalie Rehm

Amalie Rehm wurde am 05. März 1815 in Steinheim, heute ein Ortsteil von Memmingen, als älteste Tochter des dortigen Pfarrers und späteren Dekans Michael Rehm und seiner Ehefrau Elisabeth geboren. Nach dem Tod ihrer Mutter musste sie den Haushalt ihres Vaters im Dekanat Memmingen führen.
Dabei nahm sie lebhaft Anteil am kirchlichen Leben. 1853 wurde der "Lutherische Verein für weibliche Diakonie im protestantischen Bayern" gegründet.

Zusammen mit Karoline Rheineck (1811-1855) ebenfalls aus Memmingen und Helene von Meyer (1827 - 1860) gehörte sie zu den ersten drei Vorsteherinnen, mit denen 1854 die Diakonissenanstalt eröffnet wurde.

Nach der Konstituierung der Schwesternschaft, dem frühen Tod von Karoline Rheineck und dem Rücktritt von Helene von Meyer wurde Amalie Rehm 1858 zur ersten Oberin des Diakonissenhauses eingesegnet. Als Partnerin des dynamischen Gründers Wilhelm Löhe und seines Nachfolgers Friedrich Meyer hat Amalie Rehm den Aufbau der Diakonissenschule und anschließend der Schwesternschaft als einer Gemeinschaft auf Lebensdauer mit ständig sich ausweitenden Arbeitsfeldern geleitet.

Quellen und Literatur:

  • Gertrud Schiffelholz, Frauengeschichtswerkstatt Memmingen e.V.: „Frauen zwischen Aufbruch und Anpassung“ Materialien zur Memminger Stadtgeschichte
    Reihe B: Forschungen, herausgegeben vom Stadtarchiv Memmingen
  • Archiv Neuendettelsau; Parentation zum Begräbnis von Amalie Rehm, 14. März 1883, Correspondenzblatt der Diaconissen Nr. 3 und Nr.4, 1883, Neuendettelsau; Dokumentation: Geschichte der Frauen in Bayern, Haus der Bayerischen Geschichte.
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Katharina Barbara Schelhorn

Katharina Barbara Schelhorn war die erste Frau, die in Memmingen selbständig eine Manufaktur leitete. Sie erwies sich nicht nur als geschäftstüchtig, sondern zeigte sich auch sozialer eingestellt als die meisten Unternehmer ihrer Zeit. Mit der Errichtung repräsentativer Manufakturbauten im Herzen der Stadt demonstrierte sie selbstbewusst ihren wirtschaftlichen Erfolg. Sie setzte sich damit ein steinernes Denkmal, das die Erinnerung an ihre unternehmerische Leistung bis zum heutigen Tag bewahrt. Allerdings wurde erst mit dem erwachten Interesse an der Geschichte von Frauen die Geschichte dieser bemerkenswerten Frau wieder entdeckt. Wie kam es, dass Katharina Barbara Schelhorn Textilfabrikantin wurde?

Die 1721 geborene Katharina Barbara entstammte der Memminger Familie Küner, aus der Wirte, Kramer, Händler und Fabrikanten (Künersche Fayencemanufaktur) hervorgingen. Das sie umgebende unternehmerische Milieu hat vermutlich bei ihr den Sinn für innovative Produktionsformen geweckt. Sie heiratete in die bekannte und weitverzweigte Familie Schelhorn ein. Ihr Mann, Johannes Schelhorn, war ein angesehener und reicher Handelsherr, der es bis zum politischen Amt des Geheimen Rates brachte. Er gründete um 1750 alleine oder zusammen mit seiner Frau eine Kattunmanufaktur. Als er schon wenige Jahre nach der Manufakturgründung starb, führte Katharina Barbara als Witwe das Unternehmen selbständig fort. Seit 1755 wird sie in den Quellen als verwitwete "Cottonfabricantin" bezeichnet.

Es gelang ihr offensichtlich, den Betrieb mit großem Erfolg zu führen und immer weiter auszubauen. Sie erwarb in den 1770er Jahren mehrere Anwesen in der Nähe des Westertores, die sie abreißen ließ, um dort ein herrschaftliches Fabrikgebäude zu errichten. Die "Schelhornsche Kattunmanufaktur" wurde nach dem Tod von Katharina Barbara (1797) von den Erben bis ins Jahr 1842 betrieben.

Barbara Katharina Schelhorn war eine erfolgreiche und zugleich verantwortungsbewusste Unternehmerin - ein Grund mehr, das Andenken an diese Memmingerin zu pflegen.

Quellen und Literatur:

  • Dr. Rita Huber-Sperl, Memmingen. Zwischen Zunfthandwerk und Unternehmertum - Ein Beitrag zur reichsstädtischen Gewerbegeschichte 1648-1802