Mit einer Podiumsdiskussion im Antoniersaal vor rund 80 Interessierten ist das neue Dialog- und Kulturformat FREIheitsforum Memmingen am 12. März zu Ende gegangen. Mit unterschiedlichen Veranstaltungen widmete sich die Stadt Memmingen zwei Wochen lang einem gesellschaftlich relevanten und viel diskutierten Thema: dem § 218 des deutschen Strafgesetzbuches zum Schwangerschaftsabbruch und der Lebenswirklichkeit Betroffener.
Auch 37 Jahre nach den Memminger Prozessen gibt es viel Gesprächsstoff, der nicht nur die damaligen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bewegt, sondern zunehmend auch ein jüngeres Publikum. Bei vornehmlich sachlich geführten Diskussionen zeigte sich, dass auch heute noch ein Informationsdefizit besteht und dass politisch, rechtlich und vor allem gesellschaftlich noch viele Schritte zu gehen sind, um mit Schwangerschaftsabbrüchen angemessen umzugehen.
Bei einer Spurensuche im Stadtarchiv wurde deutlich, dass es unter anderem durch schutzwürdige Belange betroffener Personen noch schwierig ist, an Originalunterlagen und Dokumente zu den Memminger Prozessen zu gelangen. Eine zentrale Quelle stellen deshalb zunächst Zeitungs- und Medienberichte aus der damaligen Zeit dar. Das Stadtarchiv nutzte die Gelegenheit und erweiterte in den vergangenen Wochen seine Bestände mit Unterlagen zu den Memminger Prozessen aus zivilgesellschaftlichen Organisationen. Die Spurensuche ist auf einer neuen Webseite des Stadtarchivs einsehbar: Stadtarchiv Memmingen: Zeitgeschichte
Der Film „Mutter aus Passion“ von 1990 im Stadtmuseum war sehr gut besucht und regte zu vertiefenden Gesprächen an. Die Thematik berührte neben Zeitzeug:innen auch interessierte jüngere Besucherinnen und Besucher.
Das Theaterkollektiv Hystera (Berlin) brachte bei zwei ausverkauften Vorstellungen des Theaterstücks „Der Uteruskomplex – Ein Schauprozess“ im Landestheater Schwaben Zeitzeuginnenberichte betroffener Frauen auf die Bühne und ergänzte diese mit Berichten von Frauen, die gegenwärtig einen Schwangerschaftsabbruch durchgeführt haben. Hierbei und in den anschließenden Diskussionen wurde ersichtlich, dass auch heute noch Defizite im Umgang mit und in der Betreuung von betroffenen Frauen bestehen.
Ein Bild, das sich in der Podiumsdiskussion verdichtete. Einig waren sich die Podiumsteilnehmerinnen, dass die ärztliche Infrastruktur zur Durchführung von Schwangerschaftsbrüchen insbesondere in Bayern und Baden-Württemberg defizitär sei. Beratungsangebote seien hingegen reichlich vorhanden und auch dringend notwendig, um mangelnde Informationen auszugleichen, bekräftigte Stephanie Weißfloch, Leiterin der Schwangerenberatungsstelle Donum Vitae. Den Zwang zur Beratung, den der Gesetzgeber vorsieht, kritisierte Prof. Dr. Liane Wörner, Expertin für Medizinstrafrecht und Mitglied der Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin der letzten Bundesregierung. Das Straffrecht sei nicht geeignet, um den Schwangerschaftsabbruch zu regeln, betonte sie. Um den Frauen wirklich zu helfen, müsse zunächst gesellschaftlich eine Enttabuisierung des Themas stattfinden.
Wie die Bauern 1525 in Memmingen Freiheit und Gerechtigkeit forderten, demonstrierten Ende der 1980er Jahre zahlreiche Frauen für ihr Recht auf Selbstbestimmung. Auch aus Sicht der Einrichtungen des Frauennetzwerks, die an der Programmgestaltung maßgeblich mitgewirkt haben, war das Memminger FREIheitsforum ein voller Erfolg. Seit Ende der 1980er Jahre demonstrierten zahlreiche Frauen für ihr Recht auf Selbstbestimmung. Aus dieser Bewegung heraus entstand in der Stadt ein Netz von Frauengruppen, die sich bis heute für die Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft stark macht. „In Zeiten, in denen Gleichstellung erneut in Frage gestellt wird, stehen wir fest zu unserem Einsatz für Freiheit, Selbstbestimmung und gerechte Teilhabe aller Frauen“, so Claudia Fuchs, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Memmingen.
2027 soll das FREIheitsforum erneut in der ersten Märzwoche stattfinden und mit einer Mischung aus Kulturprogramm und Dialogformaten Raum für Debatten und Gespräche bieten. „Das große öffentliche Interesse an dem neuen Format hat uns darin bestärkt, im nächsten Jahr mit einem neuen Thema in die Fortsetzung zu gehen“ resümiert Kulturamtsleiter Sebastian Huber.
Veranstaltet wurde das FREIheitsforum Memmingen durch das Kulturamt der Stadt Memmingen. Das Programm der ersten Ausgabe entstand in enger Kooperation mit folgenden städtischen und nicht-städtischen Einrichtungen und Initiativen (in alphabetischer Reihenfolge): Frauengeschichtswerkstatt Memmingen e.V., Frauenhaus Memmingen, Frauennetzwerk Memmingen e.V., Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Memmingen, Stadtarchiv Memmingen, Stadtbibliothek Memmingen, Stadtmuseum Memmingen, Landestheater Schwaben.